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Stellungnahme der UNESCO Bern, 3. Mai 2001 |
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Die Verbrechen gegen die Kultur dürfen nicht ungesühnt bleiben KOICHIRO MATSUURA Ein Verbrechen gegen die Kultur ist soeben begangen worden. Mit der Sprengung der riesigen Buddhastatuen, die seit 1500 Jahren über das Tal von Bamian wachten, haben die Taliban einen irreparablen Schaden angerichtet. Sie haben nicht nur einen Teil des afghanischen Kulturerbes zerstört, sondern ein Erbe, das der ganzen Menschheit gehörte - ein außergewöhnliches Zeugnis des Miteinanders mehrerer Kulturen. Das Verbrechen wurde kaltblütig und aus freien Stücken begangen. Die Täter können sich in diesem Teil Afghanistans auf keinerlei Kriegshandlungen berufen. Soldaten aus unterschiedlichen Lagern haben hier zwar in den letzten Jahren ihre Biwaks aufgeschlagen und die von Mönchen mit Fresken ausgemalten Höhlen in der Nähe der Statuen beschmutzt und beschädigt. Ganze Armeen hat man dort und zu Füßen der Buddhas untergebracht und sie als Schutzschilde missbraucht. Mehrfach dienten sie in den letzten Jahren sogar als Zielscheiben. Dies allein war schon unannehmbar, doch ließen sich derlei Übergriffe mit dem Krieg zumindest erklären, wenn auch nicht entschuldigen. Für die jetzt erfolgte systematische Zerstörung indes gilt nicht einmal diese traurige Rechtfertigung. Das Verbrechen gegen die Kultur wurde im Namen der Religion begangen, oder besser gesagt: im Namen einer umstrittenen Religionsauslegung. Die größten Theologen des Islam haben diese Auslegung mit Nachdruck abgelehnt. Als der Mullah Omar die Zerstörung dieser Meisterwerke des afghanischen Kulturerbes anordnete, maßte er sich an, mehr zu wissen als sämtliche Generationen von Muslimen in den 15 Jahrhunderten zuvor, mehr als alle muslimischen Eroberer und Herrscher, die Karthago, Abu Simbel und Taxila unversehrt ließen - und mehr als der Prophet Mohammed selbst, der in Mekka die Kaaba respektierte. Durch ihren Vandalismus schaden die Taliban dem Islam, statt seinem Ansehen zu dienen. Sie löschen das Gedächtnis eines Volkes aus, des afghanischen Volkes, das seine Identität und seine Werte aus dem Vermächtnis seiner Vorväter herleitet. Und sie schaden dem Land, das sie zu führen vorgeben, indem sie es seiner Reichtümer berauben. Nichts hat dieses Verbrechen verhindern können. Keine Stimme konnte die Taliban zur Vernunft bringen, weder die weltweiten Proteste noch die vielen religiösen und weltlichen Emissäre von Rang, die bei ihnen vorstellig wurden. Auch das ist, neben dem unersetzlichen Verlust der Buddhastatuen, bislang ohne Beispiel. Zum ersten Mal war eine – wenn auch nicht anerkannte – zentrale Autorität so vermessen, ein uns allen gehöriges Kulturerbe zu vernichten. Zum ersten Mal stand die UNESCO, die nach ihrer Verfassung mit der Wahrung des Welterbes betraut ist, vor einer solchen Situation. Zerstörungen gab es auch schon in der Vergangenheit. Solche Akte der Engstirnigkeit haben die Geschichte vieler Länder gezeichnet. Bilderstürmer richteten Verheerungen im Namen des Glaubens an, Revolutionäre ließen ihrer Zerstörungswut freien Lauf, und ganz in unserer Nähe hat man die historische Hafenstadt Dubrovnik und die Brücke von Mostar zur Zielscheibe gemacht, weil sie Symbole waren. Trotz alledem aber glaubten wir, in eine neue Ära eingetreten zu sein, in eine Epoche der wachsenden Achtung und Wertschätzung für das Menschheitserbe, in dem jeder die Symbole der Vielfalt und gleichermaßen einer gemeinsamen Zugehörigkeit zu entziffern lernte. Das war zu einem großen Teil das Verdienst der UNESCO, die auf drei Ebenen wirkt: Sie ist verantwortlich für den Schutz von Kulturgütern während bewaffneter Konflikte gemäß der Haager Konvention und für den mit verschiedenen Rechtsinstrumenten geführten Kampf gegen den illegalen Handel mit Kunstschätzen. Seit 1972 tritt sie ein für die Idee des universellen Menschheitserbes. Der große Erfolg der Welterbeliste veranschaulicht dieses weltweit erwachende Bewusstsein und die neue weltweite Verantwortung für das Vermächtnis der Menschheit. Das Interesse für die Welterbestätten, wo immer auf der Welt sie sich befinden, ist ein neues Phänomen, das nicht zuletzt mit der aktuellen Globalisierung zusammenhängt – ein Prozess, in dem sich jeder dem «globalen Dorf» zugehörig fühlt und gleichzeitig feste Bezugspunkte braucht, in denen er sich wiedererkennt: Denkmäler oder Naturstätten, die sinnweisende Träger von Werten oder Idealen sind. Man darf sich daher nichts vormachen. Nicht allein Steine wurden zerstört, sondern Geschichte, Zivilisation, die Zeugen einer wirklichen und fruchtbaren Begegnung zweier großer Kulturen. Mit den Statuen wollte man das Vermächtnis eines Dialogs zwischen den Kulturen auslöschen. Deshalb muss die Wahnsinnstat der Taliban gegen vorislamische Statuen in Bamian oder in den afghanischen Museen als Verbrechen bezeichnet werden. Ein derartiger zivilisatorischer Rückschlag darf nicht geduldet werden. Diesem Verbrechen muss mit Sanktionen neuer Art begegnet werden. Der Internationale Gerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hat uns erst vor wenigen Tagen einen Weg aufgezeigt, als er den 16 Hauptanklagepunkten die Zerstörung historischer Bauwerke während des Angriffs auf Dubrovnik in Kroatien hinzufügte. Die internationale Gemeinschaft darf nicht untätig bleiben; sie darf Verbrechen gegen Kulturgüter nicht hinnehmen. Die Untat der Taliban ist ein Einzelfall, doch es besteht die Gefahr weiterer Übergriffe. Die UNESCO wird die notwendigen Maßnahmen ergreifen. Sie wird intensiver gegen den Ausverkauf afghanischer Kulturgüter vorgehen, der leider zunehmen wird. Sie wird alles tun, um das verbleibende Welterbe in diesem Land zu retten – sei es vorislamisch oder islamisch. Sie wird dazu im Welterbekomitee die Schutzmaßnahmen verstärken. Die internationale Gemeinschaft hat die Buddhastatuen von Bamian verloren. Weitere Verluste darf es nicht geben! Koichiro Matsuura ist Generaldirektor der UNESCO. Der Beitrag erschien in Le Monde am 16. März 2001.
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